07. Johannes BINDER. Bäckerei Binder. Deutsch Goritz

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Im Oktober haben unzählige Stimmen uns gezeigt, wie sehr gelebte Nachfolge berührt. Das Voting ist nun abgeschlossen – und wir sagen von Herzen Danke an alle, die mitgestimmt, geteilt und uns unterstützt haben.
WKO_Follow_me_Award am 18.11.2025

Wir haben gewonnen!

Mit eurer Unterstützung sind wir auf den dritten Platz der Kategorie "familien-interne Nachfolge" gekommen: Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung und über die Preise!

Vom Striezel-Flechten zum Betrieb-Führen: So wird Zukunft gebacken

„Ausgerechnet zwei kaputte Öfen haben mir den Weg zurück ins Bäckerhandwerk gezeigt – heute ist es meine größte Leidenschaft.“ 

Seit Generationen liegt in Deutsch Goritz der Duft von frischem Brot in der Luft. Doch für Johannes Binder kam der Moment der Entscheidung überraschend: Zwei kaputte Öfen, ein Anruf von seinem Papa – und plötzlich stand er vor der Entscheidung, ob er das Familienhandwerk weiterführt. Heute führt der junge Bäckermeister und Unternehmer selbstbewusst in der vierten Generation die Bäckerei Binder, verbindet Kindheitserinnerungen mit neuen Ideen und bäckt Zukunft aus Tradition.
Kindheit zwischen Krume und Kruste: Jetzt mittendrin Johannes Binder wuchs direkt über der Backstube auf. Schon als Dreijähriger war er beim Striezel flechten in der Backstube mit dabei – auf einem Eimer an der Tafel stehend, Seite an Seite mit den Bäckern. Diese Erinnerungen haben ihn geprägt – und nie losgelassen.

Eigentlich war sein Weg ein anderer: Nach der Handelsakademie begann Johannes ein Studium der Betriebswirtschaftslehre, den Bachelorabschluss fest im Blick. Doch ein Anruf seines Papas stellte plötzlich alles auf den Kopf. Zwei der Backöfen waren kaputt, die Investition lohnte sich nur, wenn die nächste Generation das Familienunternehmen weiterführt.

Hinzu kam, dass sein Papa früher als erwartet in Pension gehen konnte. So traf Johannes eine Entscheidung fürs Leben - nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus echter Leidenschaft für das Handwerk, das er von Kindheit an liebte: Studium pausiert, Verantwortung übernommen, und zwei neue Backöfen wurden angeschafft. Johannes wählte den Weg zurück ins Handwerk – und fand dabei seine Berufung.
 
„Mir war wichtig, dass Johannes nie in eine Rolle gezwängt wird: Er sollte die Bäckerei aus eigenen Stücken übernehmen. Umso schöner ist es für mich, zu sehen, was er in so kurzer Zeit bereits geschafft hat und mit welchem Engagement und welcher Freude er täglich in die Firma kommt.“ beschreibt sein Vater Johann Binder die offensichtlichen Erfolge seines Sohnes.
Die Herausforderung Innerhalb weniger Wochen musste die Betriebsübergabe formell abgewickelt werden: Notar, Steuerberater, Schenkung, Anteilsübergabe. Johannes war gerade einmal 25 und plötzlich für 24 Mitarbeitende und drei Standorte verantwortlich. Hinzu kommt das, was jede Bäckerei täglich fordert: Rohstoffpreise steigen und neue Konkurrenz kämpft um die gleiche Nachfrage. Wer Bäcker bleiben will, braucht das richtige Rezept für erfolgreiches Handwerk.
Die Chance Während andere Bäckereien zusperrten oder vor der Pension standen, öffnete sich für Johannes ein Fenster. Er hatte das Handwerk von klein auf erlebt und brachte gleichzeitig frische Ideen mit. Bei einer großen Bäckerei in Graz – die für viele ein Vorbild ist, wenn es um Organisation und Qualitätsmanagement geht - lernte er, wie man groß denkt und Abläufe strafft. Dieses Wissen trägt er jetzt in den Familienbetrieb.

Besonders die Brot-Retterbox zeigt, wie Tradition und Innovation ineinandergreifen: Ein Automat, der Gebäck vom selben Tag rettet, das ansonsten nicht mehr verkauft werden könnte - ausgezeichnet mit dem Nachhaltigkeitspreis des Steirischen Vulkanlandes. Neue Kund:innen wurden damit gewonnen, bestehende überzeugt. Die Chance liegt für Johannes darin, das Handwerk mit klaren Werten zu führen - und gleichzeitig zu zeigen, dass eine Bäckerei am Land ein Ort echter Begegnung ist, wo Menschen sich erkannt fühlen. „Wer hier einkauft, ist kein anonymer Kunde. Man kennt sich, redet ein paar Worte, die Kinder kriegen ein Kipferl geschenkt – genau das macht eine Bäckerei am Land aus.“
Diese familienINTERNE Nachfolge lebt von viel Herzblut – und von ein paar entscheidenden Schritten, die den Erfolg ermöglicht haben.
 

Schlüsselfaktoren

  • Die alte Generation lässt der neuen Generation genügend Raum
  • Herkunft trifft Zukunft: Traditionelles Dampfl-Brot aus eigenem Quellwasser und regionalem Getreide trifft innovative Brot-Retterbox mit eigenem Automaten
  • Ehrlichkeit als Prinzip: „Würdest du es mit Genuss selbst essen?“ ist die wichtigste Frage.
  • Teamkultur: Mit einem „Du“ auf Augenhöhe gestartet.
Der Weg: So wurde angepackt
Johannes schloss die Lehre in Rekordzeit ab, holte sich Einblicke bei einem Vorbild der Branche und stand dann schnell wieder in der eigenen Backstube. Die Rezepturen musste er binnen kürzester Zeit von seinem Papa erlernen. Und mit der Brot-Retterbox - vom einfachen Gartenhüttl bis zum Rund-um-die-Uhr Selbstbedienungsladen mit Backwaren-und Getränkeautomaten gewachsen - fand er eine Lösung für die Änderung der Öffnungszeiten. In jeden Bereich – von Rohstoffbestellungen bis Kundenservice – arbeitete er sich Schritt für Schritt ein.

Was hat sich verändert – und warum funktioniert es?
Die Bäckerei Binder ist heute ein Betrieb, der in vierter Generation geführt wird und der Tradition nicht nur bewahrt, sondern neu auflädt. Das Brot-Retter-Konzept fördert nicht nur das Bewusstsein im Umgang mit wertvollen Lebensmitteln, sondern bringt auch neue Kundengruppen. Vormittags stieg sogar der Umsatz, als nachmittags geschlossen wurde. „Wenn’s echt ist und schmeckt, kommen die Leute wieder.“

Seit 1931 wurde die Bäckerei stets modernisiert – vom Dampfbackofen über die Lieferbusse, der Erweiterung des Konditoreigewerbes und der Caféhäuser bis hin zur Brot-Retterbox heute. Unternehmerischer Mut, klare Werte und ein Gespür für Chancen halten das Handwerk nicht nur am Leben, sondern sind der Weg in eine starke Zukunft.
Was hast du während der Übergabe gelernt?
Johannes Binder: „Mein Vater hat die Bäckerei von seinem Vater in 3. Generation übernommen und kontinuierlich ausgebaut. Aufgrund seines Engagements für das Unternehmen, kann ich nun einen gut funktionierenden und stabilen Betrieb übernehmen, wofür ich ihm wirklich dankbar bin. Während der Betriebsübergabe habe ich vor allem gelernt, wie wertvoll die Erfahrung und das Wissen meines Vaters sind. Gleichzeitig habe ich gespürt, wie wichtig es ist, meinen eigenen Weg zu gehen und neue Ideen einzubringen.“

Wie fühlt sich die neue Rolle an?
Johannes Binder: „Es ist, als wäre ich über Nacht erwachsen geworden. Plötzlich trägt man Verantwortung für das Team, für die Qualität der Produkte und für die wirtschaftliche Stabilität des Betriebes. Gleichzeitig bietet sich die Chance, neue Ideen einzubringen und das Unternehmen nach den eigenen Vorstellungen weiterzuentwickeln. Wer Freude daran hat, Tradition mit frischem Unternehmergeist zu verbinden und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, findet in der Betriebsnachfolge eine erfüllende Aufgabe. Am Anfang ist das hart, aber genau das macht auch stolz: Wenn du siehst, dass es läuft und die Leute zufrieden sind.“

 
Ein Tipp rund um die Betriebsnachfolge
"Welche Förderungen können lukriert werden?"

Es gibt so wie für Gründer auch für Betriebsnachfolger eine ganze Reihe von „förderbaren“ Themen – also etwa für die klassischen Innovationsthemen, für Maßnahmen im Bereich Umweltschutz und Ökologisierung.

Philipp Kainz, Gründer Center der Steiermärkischen Sparkasse und Experte im Follow me Netzwerk.
Einander auf Augenhöhe begegnen
Für Johannes beginnt Führung mit Respekt und mit der Sprache. Deshalb hat er allen Mitarbeitenden gleich zu Beginn das „Du“ angeboten. „Mir ist wichtig, dass wir alle auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Meine Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen und merken, dass sie ein fester Teil des Unternehmens sind – ohne sie geht’s nicht.“ Das spüren seine Leute: Ein Drittel des Teams ist seit vielen Jahren dabei. Für ihn gilt: Nur wenn die Stimmung in der Bäckerei passt, kommen am Ende Brote heraus, die Freude machen.
„Johannes bringt frischen Wind ins Unternehmen. Er hat modernere Ansätze und schafft irgendwie den Spagat zwischen Tradition und Innovation. In gewissen Situationen fehlt (logischerweise) noch ein wenig die Erfahrung, aber dafür haben wir derzeit ja auch noch den Senior-Chef.“ sagt ein langjähriger Mitarbeiter aus der Backstube mit einem Schmunzlen.
Der Blick nach vorne
Johannes denkt nicht nur an die nächsten Tage, sondern Jahrzehnte voraus. Mit der Unterstützung von Create 2040 hat er sich vorgenommen, den Betrieb Schritt für Schritt zu vergrößern und weiterzuentwickeln. In den nächsten Jahren sollen ein neuer Ofen, eine Kühlanlage und ein Gärverzögerer angeschafft werden. „Weil jede Investition ein Stück Zukunft ist – für uns und für die Region.“ Doch wichtiger als Maschinen ist für ihn, dass die Bäckerei am Land lebendig bleibt: Ein fixer Punkt, wo Menschen versorgt werden, wo Begegnungen entstehen, wo Kinder schöne Erinnerungen sammeln.
 
Ehrlich gebacken, nachhaltig gedacht Thomas Heuberger, Regionalstelle Südoststeiermark hat gute Gründe für die Nominierung:

Unter Johannes Binder bleibt die Bäckerei Binder nicht nur ein Ort zum Einkaufen. Fünf Lieferwägen bringen täglich Brot und Gebäck in die Umgebung – zu Privathaushalten, Nahversorgern und Betrieben. So wird die Bäckerei zum stillen Motor im Hintergrund: Sie sorgt dafür, dass die Region verlässlich versorgt ist, auch dort, wo kein Geschäft ums Eck liegt.

„Wenn Kinder nach der Schule noch schnell hereinschauen und mit einem Kipferl in der Hand hinauslaufen, dann weiß man: Diese Bäckerei gehört zum Leben hier. Und das ist unbezahlbar.“ schildert Thomas Heuberger, Leiter der WKO Regionalstelle Südoststeiermark.

Das hat die Nachfolge mir gebracht

  • Größte Veränderung: Vom Student zum Unternehmer mit Verantwortung für drei Standorte.
  • Erster Erfolg: Lehrabschluss mit Auszeichnung, Star of Styria (Bäcker) und der Nachhaltigkeitspreis für die Brot-Retterbox
  • Nächste Challenge: Den Filialbetrieb ausbauen und mithilfe von Create 2040 die Ziele umsetzen
Fragen, die in meiner Nachfolge besonders relevant waren Jede Nachfolge ist anders – und doch gibt es Fragen, die helfen, den eigenen Weg klarer zu sehen. Diese haben mich besonders begleitet.

  • Bin ich bereit, Verantwortung von heute auf morgen zu übernehmen?
  • Wie bleibe ich bei meinem Weg, auch wenn Entscheidungen riskant erscheinen?
  • Welche Neuerungen überzeugen bestehende und potenzielle Kund:innen – und passen trotzdem zu unserer bisherigen Firmenidentität?
  • Welche Investitionen sind nachhaltig und führen uns in eine starke Zukunft?

Wir waren gern Teil
des Follow me Awards 2025

Die Nominierung bedeutet uns viel – denn sie ist viel mehr als ein Wettbewerb: Sie hat uns gezeigt, dass viele Menschen diesen Weg mit uns feiern.
Wir tragen die Auszeichnung als Nominierte mit Stolz und sehen sie als Ansporn, unseren Betrieb weiter mit Herz, Neugier und Zuversicht zu führen.

Bäckerei Binder

Johannes BINDER und seine Empfehlung

Johannes’ Ciabatta – ein Rezept, an dem er ein halbes Jahr getüftelt hat. Gebacken mit heimischem Getreide und Wasser aus eigener Quelle. „Es muss so gut sein, dass ich es selbst jeden Tag genussvoll essen will. Dann kann ich das Produkt ehrlich an unsere Kund:innen weitergeben.

Zeitpunkt der Nachfolge: September 2024.


Fotoquelle: Bäckerei Binder 2025.
Story powered by Herz, Hirn und ein bisschen künstlicher Intelligenz. Das echte Gespräch dazu führte Birgit Mayer – ohne KI, aber mit einer ordentlichen Portion einfühlsamer Neugier.